1989: wie eine verunreinigte Charge eine ganze Branche veränderte

Im Herbst 1989 häuften sich in den USA Fälle einer bis dahin unbekannten Erkrankung. Die Betroffenen hatten schwere Muskelschmerzen und stark erhöhte Werte einer bestimmten weißen Blutkörperchenart. Das Krankheitsbild bekam einen eigenen Namen: Eosinophilie-Myalgie-Syndrom.

Was die Fälle verband, war ein Nahrungsergänzungsmittel mit L-Tryptophan. Was sie tatsächlich verband, war etwas Genaueres, und dieser Unterschied ist der Grund, warum dieser Fall bis heute in Qualitätsschulungen vorkommt.

Was passiert ist

Die Ermittlungen führten nicht zu L-Tryptophan als Stoff, sondern zu einem einzelnen Hersteller und dort zu bestimmten Produktionschargen. Dieser Hersteller hatte kurz zuvor sein Verfahren umgestellt: ein veränderter Bakterienstamm in der Fermentation und ein reduzierter Reinigungsschritt.

In den betroffenen Chargen fanden sich Verunreinigungen im Spurenbereich, die in sauber gereinigtem Material nicht vorkamen. Tryptophan aus anderen Quellen war nicht auffällig geworden.

Die Folge war trotzdem ein Verkaufsstopp für die gesamte Stoffgruppe in mehreren Ländern. In den USA blieb der freie Verkauf über Jahre eingeschränkt, in Deutschland war L-Tryptophan zeitweise ausschließlich als Arzneimittel erhältlich. Erst später kehrte es in den Lebensmittelbereich zurück.

Die Lehre, die geblieben ist

Der Fall zeigt etwas, das in der Diskussion über Nahrungsergänzung oft untergeht: Ein Stoff ist nicht gut oder schlecht. Eine Charge ist gut oder schlecht.

Derselbe Stoff, hergestellt in derselben Anlage, kann in der einen Charge sauber und in der nächsten auffällig sein, wenn sich im Verfahren etwas ändert. Deshalb steht auf jedem ernst gemeinten Analysenzertifikat eine Chargennummer, und deshalb ist ein Zertifikat ohne diese Nummer wertlos.

Der zweite Punkt: Die problematischen Substanzen lagen im Spurenbereich und gehörten nicht zum üblichen Prüfumfang. Ein Prüfbericht deckt immer das ab, wonach gesucht wurde. Wer behauptet, eine Analyse schließe jedes Risiko aus, hat entweder nie eine gelesen oder verkauft Sicherheit, die es nicht gibt.

Wie so ein Zertifikat aufgebaut ist und welche vier Zeilen darauf zählen, steht in unserem Artikel über Analysenzertifikate.

Wie L-Tryptophan heute hergestellt wird

Der heute übliche Weg ist die Fermentation: Mikroorganismen erzeugen die Aminosäure aus einem pflanzlichen Nährmedium, anschließend wird sie abgetrennt, gereinigt und kristallisiert. Das Ergebnis ist ein weißes Pulver, chemisch identisch mit dem Tryptophan aus einem Stück Käse.

Entscheidend sind die Reinigungsschritte nach der Fermentation. Genau an dieser Stelle lag 1989 das Problem.

Was Tryptophan ist, und was wir dazu nicht schreiben

L-Tryptophan ist eine der neun essentiellen Aminosäuren, ein Baustein von Proteinen, und der Körper kann sie nicht selbst herstellen. In Lebensmitteln ist sie die seltenste der essentiellen Aminosäuren, sie kommt also in kleineren Mengen vor als die anderen acht.

Mehr sagen wir dazu nicht. Für L-Tryptophan gibt es in der EU keine zugelassene gesundheitsbezogene Aussage, und jede Andeutung in Richtung Körperfunktionen wäre eine Wirkungsaussage ohne Grundlage. Das gilt auch für die Umwege, auf denen das in vielen Texten trotzdem passiert.

Was wir nicht wissen

Die genaue chemische Identität der auslösenden Verunreinigung von 1989 ist bis heute nicht abschließend geklärt. Mehrere Kandidaten wurden beschrieben, ein eindeutiger Nachweis fehlt, auch weil das Material von damals nur begrenzt verfügbar war.

Unstrittig ist der epidemiologische Befund: Die Fälle häuften sich bei Produkten eines Herstellers und bestimmter Chargen.

Warum wir diesen Artikel schreiben

Weil er gegen uns selbst gelesen werden kann. Wir verkaufen L-Tryptophan. Ein Verkaufstext würde diesen Fall nicht erwähnen.

Uns ist die andere Reihenfolge lieber: erst die Geschichte, dann die Frage, wie ein Anbieter damit umgeht. Unsere Antwort darauf ist die eigene Probenahme aus jeder Lieferung und die Freigabe erst nach dem Laborergebnis.


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Essentielle Aminosäure als reines Pulver, eine Zutat, aus Fermentation. Bitter und schwer löslich, am besten in Haferdrink, zimmerwarmem Kirschsaft oder einem Warmgetränk.

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